Dienstag, 19. September 2017

Debbie and Me/Unser Briefverkehr/Meisterleistungen

28.12.07
Brief an Deborah
"In Rage fand ich dich gestern gut, aber leider kanalisierst du sie nur destruktiv, zur Flucht, zum schnellen Abziehen, zum Wegfahren, anstatt z.B. zuzugreifen, mein Glied zu streicheln (wie auch immer du darüber denkst), wenn du dich mehr hingibst, und ich mehr mache, dann gehts ja, nur dürfen wir halt nicht Stunden darauf warten, dass beinahe was passiert, und dann abbrechen, z.B. weil du zu passiv warst, einen Stellungswechsel nicht mitmachtest, von hinten, von der Seite (wenn ich es schon nicht managte, von vorne in dich einzudringen; du hast eine verdeckte Scham, durch breite, wulstige Schamlippen, außerdem habe ich seit viereinhalb Jahren mit keiner Frau mehr geschlafen, um genau zu sein, seit Mitte Februar 03; danach fing ich zu schreiben an, die Rita-Episode und andere 'Lieben' jener Zeit gingen ohne Geschlechtsverkehr ab). Ich bin jetzt sehr offen und begebe mich damit sehr relativ in deine Hände, aber ich sagte immer, dass ich Wahrheiten jeder Art in die Augen schauen kann, auch wenn sie noch so knallhart sind, und ich finde, dass du gestern einfach zu rasch verschwandest, sogar wenn du todmüde gewesen wärest, finde ich das unfair. Wie gesagt, ich finde dich attraktiv, würde gerne was mit dir versuchen (!), aber du solltest dich auch positiv einbringen, überhaupt generell. Tschau (zumindest zufällig werden wir uns bestimmt mal begegnen, und ich will dir dann in die Augen schauen können).
Ohne Unterschrift, so bin ich, so feige.

Beinahe ein Postskriptum
Ich habe mich zum Nichtessen zurückgenommen, du nicht, als du gingst, ganz schön egoistisch. Und dass zu einer Partnerschaft nicht nur Händchenhalten gehört, weiß ich auch, woher wohl? Irgendwo gelesen, na klar! Wir machten sexaktiv bisher wenig Produktives, orgasmisch besehn, und das finde ich nervig (hirnig? Ich kann meine Handschrift nicht entziffern!), stimmt, also warum sollte man das Drama extenden (ich würde es gerne probieren, mit einem Anderthalbstundenlimit)?"

Deborah an mich
"29.XII.07
Gut, dass du mir geschrieben hast. Am Telefon hätte ich es mit Sicherheit nicht geschafft, dir all die Dinge an den Kopf zu werfen, die mich bei unserem Partnerschaftsversuch (mit Betonung auf Versuch) gestört haben.
Erst einmal zu deinem Brief: Findest du es nicht ein wenig dreist, mir den Schwarzen Peter für die letzte, verunglückte Nacht zuzuschieben? Ich glaube mich zu erinnern, dass ich versucht habe, dir etwas über verpasste Chancen und Abgekühlt-Sein zu erzählen. Schade, dass du es nicht geblickt hast. Das hätte das Drama auf ein
erträgliches Maß reduziert.
Auf der Fahrt zu dir am Donnerstag habe ich mich unheimlich auf dich gefreut; ich hatte Lust auf dich: es hat gekribbelt. Dann kam ich zu dir hoch, und im Prinzip war die Luft raus und ich kalt wie eine Hundeschnauze. Ich hasse deine Art, mich zu begrüßen. Ich kam mir immer vor wie ein unangemeldeter, etwas störender Gast, den man mit
stundenlangem Smalltalk einschläfert, in der Hoffnung, ihn zum baldigen Gehen zu bewegen. Ein bisschen mehr Enthusiasmus bei der Begrüßung (und auch sonst) hätte bestimmt nicht geschadet. So habe ich immer Stunden gebraucht, um nach der eiskalten Begrüßung wenigstens aufzutauen. Und dann erwartest du mehr Hingabe bzw. Aktivität! Es gibt ein schönes Sprichwort: 'Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.' Sehr passend, nicht wahr?!
Nun zu deiner Forderung, mich 'positiv einzubringen'. Ich hätte nicht gedacht, dass du auf derart abgelutschte Floskeln zurückgreifen musst. Da hätte ich eigentlich mehr Klasse erwartet, zumal du dich ja für einen der besten (oder den besten?) lebenden österreichischen Schriftsteller hältst. Aber Anspruch und Wirklichkeit klaffen ja des Öfteren auseinander.
Was die verlangte 'Offenheit' betrifft: Ein Hoch auf die Offenheit! Es lebe die Offenheit! Aber es gibt Situationen, in denen mich Offenheit ziemlich abtörnt und damit auch den leisesten Hauch von Erotik vernichtet (ich finde z.B. Gespräche über rasierte oder nicht rasiert[e Beine) nicht unbedingt erotisch!). Man kann alles übertreiben, mein Lieber. Dir fehlt das Gespür dafür, wann es besser ist, einfach den Mund zu halten oder einfach mal zu lügen. Es ist idiotisch zu verlangen, dass ich dir sage, wann du besser den Mund halten solltest. Wer weiß, welche bahnbrechenden Gedanken dann auf Nimmerwiederhören verschwinden. Ganz egal, was für ein Scheißkerl mein Ex war, er hat mir zumindest das Gefühl gegeben, für ihn etwas Besonderes, Liebenswertes zu sein: auch wenn wir beide wussten, dass das nicht der Realität entsprach. Aber es war ein Spiel, und bis zu einem gewissen Zeitpunkt, immerhin ein halbes Jahr, hatte ich viel Spaß daran. Wenn es nicht die absolute Liebe ist, die zwei Menschen dazu bewegt, miteinander zu schlafen, sollte man sich an gewisse Spielregeln halten. Es erleichtert die Sache ungemein. Offenheit verträgt sich in meinen Augen nur mit absolutem Vertrauen und unbedingter Liebe, sonst ist Offenheit nur destruktiv.
Ich habe keine Lust auf Probleme. Was ich will, ist eine lockere, entspannte Beziehung, und die ist mit dir nicht möglich. Dein Hang alles zu problematisieren und alles zu überdenken macht mich krank (deswegen die roten Flecken an meinem Hals!), schade, dass mir das alles erst so spät aufgefallen ist.
Jetzt ist mein Zorn verraucht. Ich gebe zu, dass der Brief weder fair noch eine literarische Meisterleistung ist. Aber beides kannst du von mir nicht erwarten.
Falls du meine Uhr finden solltest, die ich bei meinem überstürzten Aufbruch bei dir vergessen habe, ich sitze nach den Ferien am Montag um 1 Uhr in der Sprachler-Cafete. Vielleicht findest du mich ja!
[D.]".

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